Die Sache mit dem Kopf

„Gutes Motorradfahren beginnt im Kopf. Schlechtes leider auch.“ Das schrieb Hans Eberspächer in seinem Buch „Motorradfahren mental trainiert“. An dieser Behauptung ist nach meiner Erfahrung alles wahr. Doch was können wir tun, wenn wir mental in einem Tief sind und der Kopf einfach nicht mitmacht. An meiner eigenen Erfahrung nach dem Motorradjahr 2015 will ich euch zeigen, wie ich es geschafft habe den Kopf wieder frei zu bekommen.

Finaler Auslöser für meinen mentalen Knacks war der Sturz im letzten Rennen der Triumph Challenge 2015 in Most. In der dritten Runde schmierte mir das Vorderrad weg und ich lag auf der Nase. Nicht weiter wild, es war ja nichts passiert. Doch den mitlerweile zweiten Sturz der Saison wollte und konnte ich nicht einfach in die Schublade „Abgehakt“ stecken. Das hatte viele Gründe, zum einen konnte ich ihn mir einfach nicht erklären, war ich doch genauso wie die Runden davor in die Kurve gefahren und zum anderen wurde mir schmerzlich bewusst, was ich hier meiner Familie antat die mich zum wiederholten Mal stürzen sah. Alles Zureden meiner Freunde konnte das nicht ungeschehen machen. In mir keimte eine Angst auf. Angst davor, dass der nächste Sturz nicht so glimpflich ausgehen könnte und was dann mit meiner Familie, Freunde, Beruf, Finanzen und und und wäre.

Die Tragweite meiner Ängste wurde mir erst zum Start der Rennstrecken Saison 2016 bewusst. Weg war die Lockerheit und weg waren die flotten Rundenzeiten. Was mir seltsamerweise beim Fahren auf der Straße keine Probleme bereitete, auf der Rennstrecke war ich gehemmt und freudlos. Ich war nur noch froh, wenn ich Abends ohne einen Sturz und Gesund wieder meine Sachen packen und nach Hause fahren konnte. Die Überwindung die es brauchte um überhaupt aus der Box zu fahren wurde von Tag zu Tag nicht besser sondern schlimmer. Der gutgemeinte Ratschlag „Du musst einfach nur weiterfahren, dass kommt alles wieder.“ hat allein nicht gewirkt. Es wurde nicht besser. Da neben der Überwindung die es jeden Tag brauchte auch die Rundenzeiten einfach nicht mehr besser wurden, ging der Spaß am Motorradfahren auf der Rennstrecke immer mehr verloren und ich war Mitte des Jahres 2016 kurz davor, alles hinzuwerfen.

Und dann wurde alles besser. Geholfen haben mir aus meiner Sicht zwei Dinge:

  1. Die Umsetzung des Ratschlags „Einfach weiterfahren“ kombiniert mit „Geh zurück wo du herkommst“.
  2. Die Umsetzung von Ratschlägen aus den Büchern „Sorge dich nicht – lebe!“ von Dale Carnegie und „Gut sein wenn’s drauf ankommt“ von Hans Eberspächer.

 

1. „Geh zurück wo du herkommst“

Habe ich nicht weiter oben geschrieben, dass der Ratschlag „Einfach weiterfahren, das kommt alles wieder“ nicht geholfen hat? Richtig, er hat nicht allein geholfen. Das Fahren allein ohne eine Änderung in meiner Einstellung und mit der Erwartungshaltung an mich selbst, dass meine Rundenzeiten so niedrig sein müssen wie sie schon einmal waren, haben mir sogar geschadet. Erst als ich mich gefragt habe: „Ok, du kannst nicht einfach losfahren und bist dabei so schnell wie vor einem Jahr. Warum akzeptierst du das nicht und gehst zurück wo du schon einmal warst?“. Das zurückkehren meint in meinem Fall, zurück zu einem bewussten langsameren Fahren. Kurve für Kurve, Punkt für Punkt. Ich habe einfach 20% meiner maximalen Fahrleistung gekappt und bin bewusst langsam gefahren. Habe nach Fehlern ausschau gehalten, bin bewusst locker gefahren. War ich doch weit entfernt von meinem persönlichen Maximum und damit auch mental weit entfent von der Gefahr zu stürzen.

Das brachte mir viele Vorteile. Zum einen habe ich meine Erwartungshaltung an mich zurückgenommen indem ich akzeptiert habe (siehe auch Kapitel 2.), dass es für mich hier keine schnellen Rundenzeiten geben wird. Ich war locker(er) und jeder weiß, wie schlecht man fährt, wenn man verkrampft ist. Ich konnte wieder bewusst an meiner Linie und meiner Technik arbeiten weil ich ja viel mehr Zeit hatte pro Runde.

 

2. Ratschläge aus Büchern

Ich habe im Jahr 2016 viele Bücher mit dem  Hintergrund „Mentaltraining“, „Sorgen“ und „Ängste“ gelesen. Dabei haben mir zwei Ratschläge in Kombination enorm weitergeholfen. Aus Dale Carnegies Buch „Sorge dich nicht – lebe!“ habe ich folgende Ratschläge hier frei wiedergegeben mitgenommen.

  • „Finde dich mit der Konsequenz ab, die deine Sorge mit sich bringt. Akzeptiere sie und arbeite dann daran, es nach bestem Können besser zu machen.“
  • „Schaffe Fakten“

Aus dem Buch „Gut sein wenn’s drauf ankommt“ von Hans Eberspächer habe ich folgenden Teil für mich verstanden, entnommen und mit Carnegies Ratschlag kombiniert.

  • „Was wäre das Beste, was du aus dieser Situation machen könntest und wozu würde das führen?“

 

Ich habe mir also die schlimmste Konsequenz meiner Angst vor Augen geführt und mich damit abgefunden. Die schlimmste Konsequenz ist der Tod. „Ok, ich werde also sterben… Das ist zwar Scheiße, aber jetzt nicht mehr zu ändern.“ Da ich jetzt also dem Tode geweiht war, fiel es mir nach ein paar Stunden sichtlich einfacher mich damit abzufinden, dass es, zwar äußerst selten, aber doch immer wieder zu schlimmen Unfällen mit Verletzungen und sogar Toten kommt. Von diesem Standpunkt aus konnte ich positiv nach vorne blicken und mich danach ausrichten, alles dafür zu tun, dass es nicht so kommt. Ich will es also besser machen und mal schauen, was es mir einbringt. An Carnegies Ratschlag habe ich noch den von Hans Eberspächer verknüpft. „Wenn es nicht so kommt, dass du stirbst und du dein ganzes Können eingebracht hast. Was wäre das Beste, dass passieren könnte?“ Diese Kombination ermöglichte es mir dann, mich wieder darauf zu freuen mit dem Motorrad auf der Rennstrecke zu fahren. Wo „Ru(h)m und Ehre“ warten. Wo ich ein Instrument, ein Werkzeug in Perfektion nutzen kann. Etwas tun, dass nicht alle können.

Jetzt klingt es vielleicht einfältig, sich mit den Worten „Ich werde also sterben.“ auf die schlimmste aller Konsequenzen eines Hobbys (und das ist es ja in meinem Fall) vorzubereiten. Daher empfehle ich, auch „Fakten zu schaffen“ wie es Carnegie mir und allen Lesern geraten hat. Im Jahr 2015 gab es tausende Hobbyveranstaltungen auf den Rennstrecken Europas. Lasst uns mal eine Zahl mit 5000 Rennstreckentagen annehmen. Wenn an jedem dieser Tage nur 100 Menschen auf der Rennstrecke gefahren wären, dann hätten wir 500.000 Motorradfahrer auf der Rennstrecke. Ihr Leben haben nach meinem Wissen 3 Menschen 2015 auf der Rennstrecke bei einem Motorradevent verloren. Das sind 0,0006%. Zugegeben, die Zahl an Unfällen und Verletzungen ist leider deutlich höher, aber wer sich mit dem Tod abfindet, dem fällt es leicht einen gebrochenen Arm hinzunehmen.

Einen weiteren Punkt möchte ich hier anmerken. Ein Freund gab mir einen Ratschlag, den ich euch weitergeben möchte. „Entschlossen Fahren, oder entschlossen Absteigen. Eins von Beidem.“ Damit hat er vollkommen recht, es ist für die meisten von uns ein Hobby. Wir haben die Wahl. Wem das Risiko zu hoch ist. Der muss nur entschlossen sein und „absteigen“.

 

Alle Punkte haben mir soweit geholfen, dass ich ohne Angst zu einem Tag auf der Rennstrecke fahre. Das ich wieder Spaß daran habe. Wieder schnell (im Rahmen meiner Verhältnisse) fahren kann. Ich bin immernoch nervös vor dem ersten Mal aus der Box fahren aber ich kann die Tage und die Abende auf und an der Rennstrecke wieder genießen. Vielleicht hilft euch der ein oder andere Ratschlag von mir auch weiter, ich hoffe es… Bis dahin.

Philip

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.